Die Sache mit dem Meeresspiegel

Eigentlich hört sich alles so einfach an: Die Erde wird wärmer und das Wasser ebenfalls. Aufgrund der thermalen Expansion benötigt dieses mehr Volumen, zusätzlich schmelzen die Polkappen, Grönland und die Festland-Gletscher. Ob die Meeresspiegel steigen oder fallen, sollte folglich nicht die Frage sein. Im Vorzeichen des Trends ist man sich durchwegs sicher. Über die Höhe des Anstieges und welche Quelle wieviel zu einer Erhöhung beisteuert, darüber hingegen herrscht eine rege Kontroverse.

Als erster Wert soll derjenige des neusten IPCC-Reports in den Beitrag einfliessen. Beim IPCC geht man von einer Meeresspiegelerhöhung bis 2100 von 18-59cm aus. In jüngster Zeit mochte man Zeitungen oft entnehmen, dass die Szenarien des IPCCs zu „konservativ“ seien. 

James Hansen wies beispielsweise in einem Essay des Magazins „New Scientist“ auf die Möglichkeit hin, dass eine dramatische Antarktis-Schmelze kurz bevorstehe. Das beschleunigte Abschmelzen der West-Antarktis könnte den Meerespiegel um mehrere Meter in die Höhe treiben. Vor 14’000 Jahren (als die letzte Eiszeit endete und die Warmzeit des Holozän begann), so Hansen, habe sich der Meeresspiegel um 1m in 20 Jahren erhöht.

Die Sorgen von J. Hansen werden von einem 2006 erschienenen Artikel im Magazin „Science“ untermauert. Eine Untersuchung von Overpeck et al. machte darauf aufmerksam, dass die Antarktis womöglich unstabiler sei als bisher angenommen. Während der letzten Interglazial-Periode (also der warmen Phase zwischen den Eiszeiten) vor etwa 125’000 Jahren stand der Meerespiegel nämlich mehrere Meter über seinem heutigen Stand. Die Temperaturen betrugen „nur“ einige Grad Celsius mehr als heute. Schenkt man den Szenarien des IPCCs Vertauen, könnten wir bereits 2100 ähnlich hohe Temperaturen erleben.

Doch wenden wir unseren Blick mal ab von den Szenarien, Prognosen und „Was-wäre-wenn“-Gedanken. Hat sich die Erhöhung des Meeresspiegels in den letzten Jahren beschleunigt? Existiert so etwas wie ein Konsens?

2001 publizierte das Magazin „Science“ eine Studie, die sich mit der Meeresspiegelerhöhung der letzten 40 Jahre auseinandersetzte. Die Autoren vermerkten, dass die jährliche Erhöhung im Zeitraum von 1993-1998 rund 3.2mm (+/- 0.2mm) betrug. Wiederum im Magazin „Science“ erschien 2007 eine Studie von Rahmstorf et al., welche die Prognosen des IPCC-Berichts aus dem Jahr 2001 mit empirischen Erhebungen verglich. Die beobachteten Werte lagen beim Meeresspiegel (und überall sonst auch) eher bei den Maximal-Werten der IPCC-Prognosen. All dies konnte man auch der Berichterstattung der üblichen Informationsquellen (Zeitung, Fernsehen etc.) entnehmen.

Folgend sollen nun Ergebnisse aufgezeigt werden, die Journalisten und Redakteuren viel weniger oft eine Erwähnung wert zu sein schienen.

So machten Carl Wunsch et al. 2007 in der Arbeit „Decadal Trends in Sea Level Patterns: 1993-2004“ beispielsweise darauf aufmerksam, dass Angaben über die Erhöhung des Meeresspiegels mit grosser Vorsicht zu geniessen sind. Veröffentlichte Werte seien nur sehr schwer zu verifizieren und die oft millimetergenauen Angaben mit grossen Unsicherheiten behaftet. Wunsch et al. schrieben wörtlich:

„Systematic errors are likely to dominate most estimates of global average change: published values and error bars should be used very cautiously.“

Während Wunsch und seine Kollegen also vor erheblichen Unsicherheiten warnten, gingen Wöppelmann et al. den empirischen Weg. In der 2007 veröffentlichten Arbeit untersuchten Wöppelmann und seine Co-Autoren die globale Meeresspiegelerhöhungsrate unter Berücksichtigung der vertikalen Erd-Krustenverschiebung. Dafür wurden 160 GPS-Stationen in Küstennähe analysiert. Wöppelmann et al. erhielten einen Wert von 1.31mm (+/- 0.3mm) pro Jahr. Dieser Wert liegt zwar gerade noch im Unsicherheitsbereich des IPCC-Wertes, senkt den Ausgangswert des IPCC aber um satte 27%.

Auf eine Erhöhung von 1.1mm pro Jahr kam eine Studie aus dem Jahr 2004, die im Journal „Geophysical Research Letters“ veröffentlicht wurde. Die beiden englischen Autoren halten im Abstract fest:

„This would produce a eustatic rise of only 0.6 mm/y, for a total of 1.1 mm/y, somewhat less than IPCC estimates.“

2006 wurde im Magazin „Nature“ eine Studie publiziert, der sich mit dem Anteil von schmelzenden Gletschern an der Meeresspiegelerhöhung beschäftigte. Sarah Raper und ihr Kollege Roger Braithwaite erhielten dabei einen Wert, der nur der Hälfte desjenigen vom IPCC entspricht.

Im Journal „Geophysical Research Letters“ erschien 2007 eine Arbeit von S.J. Holgate vom Proudman Ozeanographie Labor in Liverpool. Holgate fand heraus, dass die Rate, mit der sich der Meerespiegel erhöhte, während 1904-1953 grösser war als im Zeitraum 1954-2003. Dies stellt die oft zitierte „dramatische Beschleunigung“ stark in Frage.

Zu diesem Resultat passt eine Studie des „Journal of Coastal Research“ aus dem Jahr 2006. Die Autoren Larsen und Clark hielten fest, dass sich der Meeresspiegel an der Ost-Küste der USA seit etwa 6000 v. Chr. erhöht. Auch diese beiden Wissenschaftler konnten kein beschleunigtes Ansteigen feststellen:

„There is no clear proportional exponential increase in the rate of sea-level rise.“

Schlussendlich erschien im Dezember 2007 eine weitere interessante Untersuchung im Magazin „Geophysical Research Letters“. Zwei Wissenschaftler aus den USA berücksichtigten erstmals auch den Anteil meteorologischer Prozesse an der Meeresspiegelerhöhungsrate. Die Autoren kamen zum Schluss, dass die jährliche Erhöhung „nur“ 0.49 – 0.93mm beträgt, wenn man die meteorologischen Treiber (die nicht mit der globalen Erwärmung zusammenhängen) subtrahiert.

Ziemlich viel Diskurs um reine Messdaten. Wie die Entwicklung zukünftig ausfallen wird, hängt nicht unwesentlich vom Verhalten der grönländischen und antarktischen Eismassen ab. Leider wissen wir über die möglichen Reaktionen dieser Eismengen sehr wenig und die Wissenschaft bringt praktisch täglich neue Erkenntnisse. Genaueres wird aber nur die Zukunft zeigen können.

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