Ewige Arktis?

Machen wir uns nichts vor: Die Eismassen der Arktis schmelzen tatsächlich sehr schnell und besorgniserregend. Über den derzeitigen Rückgang des Arktis-Eises lässt sich wirklich nicht diskutieren – er ist leicht messbar und unbestritten. Für die Zeitungen anscheinend Grund genug, um sich gegenseitig mit Superlativen zu übertreffen. Dabei haben die Redakteure aber nicht immer Recht.

Auf Cyrosphere kann man die Eis-Bedeckung der einzelnen Hemisphären hervorragend beobachten. Der Trend für die nördliche Halbkugel (also auch der Arktis) ist dabei offensichtlich:

 

Dieser Negativ-Trend veranlasst Medien dazu, von einem Verschwinden des „ewigen Eises“ oder einer „nie dagewesenen Rekordschmelze“ zu schreiben. Wörter wie „nie dagewesen“ oder „ewig“ sind – ohne vernünftigen Zeitrahmen – immer problematisch. Auch bezüglich der arktischen Eisbedeckung existiert eine wissenschaftliche Kontroverse. Eine sehr junge Studie deutet beispielsweise darauf hin, dass die Arktis schon seit 15 Mio. Jahren von Eis bedeckt ist. Praktisch zeitgleich zeigten Untersuchungen des Alfred-Wegener-Instituts für Polarforschung, dass eine eisfreie Arktis im Holozän (der seit etwa 12’000 Jahren andauerenden Warmperiode) ganz normal zu sein scheint. Tatsache ist, dass 15 Mio. Jahren zurückreichende Daten sicher mit mehr Skepsis zu betrachten sind, als Proben, die lediglich 14’000 Jahre belegen. Das „ewige Eis“ also nur eine Anomalie im Holozän? Die „BAZ“ zitiert den Potsdamer Geophysiker Diedrich Fritzsche wie folgt:

„Wir können von unseren Ergebnissen her nicht dramatisieren.“

Doch skeptische oder zurückhaltende Voten stammen nicht nur vom Alfred-Wegener-Institut. Zwei Forscher aus Norwegen veröffentlichten im Januar 2006 eine Studie im „Journal of Geophysical Research“, welche das Abschmelzen der Eismassen im Nordischen Meer seit etwa 1850 als „recovery“ bezeichnet. Nordisches Meer? Wo ist das denn schon wieder? Hier:

 

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts soll nämlich eine „signifikante Abkühlung“ stattgefunden haben. Das Eis nähert sich damit (laut dieser Studie) nur wieder seinen herkömmlichen Grenzen an. Doch damit ist noch nicht genug mit kontroversen Aussagen. Die beiden Polarforscher fanden meteorologische Zyklen, welche die Eisentwicklung in signifikantem Masse beinflussen. Besonders interessant ist folgendes Votum:

  “We suppose therefore that during decades to come, as the negative phase of the thermohaline circulation evolves, the retreat of ice cover may change to an expansion.”

Eine – zumindest im Nordischen Meer – zukünftige Ausdehnung des arktischen Eises? Will so gar nicht ins übliche Bild passen.

Angemerkt sei noch, dass ich nicht für Richtigkeit dieser Aussagen plädiere. Die pure Existenz solcher Artikel in peer-reviewed Journals sollte vielmehr zum Nachdenken und eigenen Recherchen animieren. Nicht mehr und nicht weniger.

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