Das Eis der Antarktis

Die Antarktis-Region beherbergt den grössten Teil der weltweiten Eismassen. Eben weil dies so ist, hat das Verhalten der antarktischen Eismassen für die Wissenschaft hohe Priorität. Man denke nur an den Meeresspiegel, der in Folge eines Abschmelzens des Eises dramatisch steigen könnte.

Wer denkt, über den Trend der antarktischen Eismassen herrsche Einigkeit, der täuscht sich. Die Untersuchungen liefern teils signifikant divergierende Resultate.

Auch im Bezug auf die Antarktis ist es wichtig, sich zuerst einen geografischen Überblick zu verschaffen. Die Antarktis ist nämlich (grob gesagt) in einen West- und einen Ost-Teil gegliedert. Die Trennung ist anhand des Satellitenbildes gut nachzuvollziehen.

Selbst diese grundlegendste Sache wird manchmal durcheinander gebracht. Spricht die Studie in einem Fachmagazin von einem „Schmelzen der West-Antarktis“, so wird daraus in einem Zeitungs- oder TV-Bericht schnell mal ein „Schmelzen der Antarktis“. Das muss nicht zwingend korrekt sein.

Zu allererst will ich wieder darauf aufmerksam machen, dass es viele Studien gibt, die ein Abschmelzen der (West-)Antarktis belegen. Rignot et al. berichteten beispielsweise im Januar 2008 im Magazin „Nature Geoscience“ von einem beschleunigten Abschmelzen der West-Antarktis. Laut dem Forscher-Team rund um E. Rignot nahmen die jährlichen Eisverluste der West-Antarktis zwischen 59 und 140% zu. Die Eismassen der Ost-Antarktis liessen hingegen auf keinen klaren Trend schliessen. Ähnliches stellten auch Velicogna und Wahr in ihrer Studie aus dem Jahr 2006 fest. Den Eismassenverlust der West-Antarktis bezifferten die beiden Forscher auf rund 152km3 pro Jahr.

Wir wären hier aber nicht auf Climate Review, wenn wir uns mit diesen Erkenntnissen begnügten.

Im gleichen Jahr wie Velicogna & Wahr ihre Studie veröffentlichten (2006), erschien eine Arbeit von Wingham et al. im Magazin „Philosophical Transactions of the Royal Society A“. Dort hielten die Forscher fest, dass die Masse der West-Antarktis tatsächlich abnimmt, aber von der Eiszunahme der Ost-Antarktis überkompensiert wird:

„Mass gains from accumulating snow, particularly on the Antarctic Peninsula and within East Antarctica, exceed the ice dynamic mass loss from West Antarctica.“

Die Erkenntnisse von Wingham und seinen Kollegen bestätigen in gewisser Weise diejenigen von Davis et al., die 2005 eine Studie im Fachmagazin „Science“ präsentierten, nach welcher die Eiszunahme der Ost-Antarktis den Meeresspiegel jährlich um 0.12mm senken könnte. Hat man davon schon mal etwas gehört? Auch den Autoren der nächsten Studie wurde wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Ein Team aus drei französischen und einem australischen Forscher publizierte 2007 im Magazin „Climate Dynamics“ eine Studie, in welcher sie bis 2100 eine Massenzunahme der Antarktis erwarten, die den Meeresspiegel jährlich um satte 1.2mm senken soll: 

„The simulated Antarctic surface mass balance increases by 32 mm water equivalent per year in the next century, corresponding to a sea level decrease of 1.2 mm year−1 by the end of the twenty-first century.“

Wichtig ist auch, die Wörter „Masse“ und „Fläche“ nicht zu verwechseln. Denn während die Fläche (nur 2D) relativ einfach per Satellitenmessungen bestimmt werden kann, sind exakte Werte für die Masse viel schwieriger zu bestimmen. Die Messungen zeigten übrigens für das Jahr 2008 eine Rekord-Eisbedeckung seit 1979 in der Süd-Hemisphäre (und damit weitestgehend der Antarktis).

Angesichts einer solchen Quellenlage ist es für Aussenstehende natürlich sehr schwer abzuschätzen, was man nun wem glauben soll. Mir käme es niemals in den Sinn über die Richtigkeit dieser Studien zu urteilen. Dass aber selbst über – zumindest augenscheinlich – empirisch leicht überprüfbare Fakten kein Konsens herrscht, dürfte skeptisch stimmen, zumal diese Kontroverse kaum je den Weg in die Massenmedien findet.

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