Tipping Points

Vor etwa einem Monat erschien eine polarisierende Arbeit im Magazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Die international bekannten deutschen Forscher S. Rahmstorf und J. Schellnhuber vom Potsdam Institute for Climate Impact Research veröffentlichten mit einigen Kollegen einen Artikel über die „Kippschalter“ (tipping points) des Klimasystems. Die Erkenntnisse sind brisant, die Autoren müssen sich aber Kritik gefallen lassen.  

Unter einem Kippschalter versteht man Komponenten des Klimasystems, bei welchen bereits eine kleine Änderung irreparable Schäden verursachen kann. Im Artikel sprechen Lenton et al. explizit neun Regionen der Erde an, die eben solche Kippschalter beheimaten und mitunter schon „bald“ kippen könnten. Die Grafik zeigt, wo sich diese Tipping Points genau befinden.

Während viele Zeitungen und Magazine die Resultate der Studie relativ unreflektiert veröffentlichten, äusserte sich die „Zeit“ kritischer. Wissenschaftsjournalist Björn Schwentker bemängelte unter anderem die fehlende Falsifizierbarkeit der Ergebnisse. Weil kein Klimamodell das Verhalten dieser Kippschalter-Regionen adäquat simulieren kann, mussten sich Lenton et al. nämlich auf eine Meinungsumfrage berufen. Von 193 verschickten Fragebögen erhielten Lenton et al. nur gerade 52 zurück, welche anonym ausgewertet wurden und anhand dieser dann eine Rangliste erstellt wurde, welche Kippschalter wann kippen könnten.

Was man mit diesem Artikels bezwecken wollte, war den Autoren durchaus im Klaren. Die Wissenschaftler rund um Tim Lenton meinten nämlich, dass „Projektionen von Klimamodellen die Gesellschaft in einem falschen Gefühl von Sicherheit wiegen [könnten]“.

Journalist Schwentker hat durchaus Recht, wenn er Bedenken äussert. Die Wissenschaft könnte sich durch solche – offensichtlich politisch motivierten – Studien möglicherweise die Glaubwürdigkeit verspielen, was in letzter Konsequenz dann ja wieder den „Skeptikern“ zugutekommen (neue Rechtschreibung?) würde.

Doch nicht nur im deutschsprachigen Raum machte sich Kritik breit, auch der englische Klimamodellierer William M. Conolley vom British Antarctic Survey äusserte sich skeptisch auf seinem Blog. So spricht Conolley im Bezug auf das Autorenteam beispielsweise von „den üblichen Verdächtigen“:

„The usual suspects: the Potsdam folk and Tim Lenton and so on.“

Neben dieser Bezeichnung für Rahmstorf, Schellnhuber & Lenton (welche mir impliziert, dass diese drei bei Conolley nicht mehr allzuviel Glaubwürdigkeit geniessen) hat Conolley auch handfeste Kritikpunkte:

„I can’t see any discussion of what values F^ might take (can you?). I looked at the sea ice and Greenland sections, and don’t see what values might be being proposed. If you don’t know F^, the definition becomes meaningless.“

Meaningless? Tönt ziemlich radikal. William M. Conolley kritisiert dabei hauptsächlich die Zeitrahmen, die sehr ungenau definiert sind (>300 Jahre), zudem werde das „Grösser als“-Zeichen von den Zeitungen erwartungsgemäss weggelassen, was dann einen falschen Eindruck erwecke. Und weil es so schön passt, sehe ich davon ab, einen eigenen Schluss-Paragraphen zu verfassen und überlasse den abschliessenden Kommentar lieber W.M. Conolley:

„At least they didn’t take his with-a-century stuff seriously.“

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