Peer-Review

Eine Sache vorweg: Der Peer-Review-Prozess bei wissenschaftlichen Publikationen ist eine löbliche Sache.  

Dank Peer-Reviewing kann man davon ausgehen, dass ein publizierter Artikel gewissen fachlichen Mindestanforderungen genügt. Die Kontrolle jedes Artikels durch andere Wissenschaftler, die auf diesem Fachgebiet arbeiten, garantiert ein gewisses Mass an Konsistenz. Aber nur weil ein Artikel in einem Fachmagazin erschienen ist und den Peer-Review-Prozess überstanden hat, heisst das noch lange nicht, dass die Erkenntnisse frei von jedem Zweifel sind.

Für Aussenstehende, welche keinen Zugang zu wissenschaftlichen Journals haben, mag der Hinweis darauf, dass der Artikel X  im Magazin Y erschienen ist, vielleicht so wirken, als wäre die Aussage derjenigen Studie nun „die Wahrheit“. Es ist tatsächlich so, dass Artikel aus naturwissenschaftlichen Magazinen vertrauenswürdiger sind, als wenn irgendeine Zeitung einen Beitrag veröffentlicht. Einfach deshalb, weil in Tageszeitungen vorwiegend Journalisten arbeiten, die Beiträge in wissenschaftlichen Journals aber von Forschern verfasst wurden.

Doch auch unter Forschenden existieren viele unterschiedlichen Meinungen, weshalb sich die präsentierten Resultate stark unterscheiden können – die bisherigen Beiträge des Blogs zeigten einige dieser Diskussionen auf. Es kommt sogar oft vor, dass sich die Resulate für empirisch erfassbare Daten widersprechen. 2005 wurde beispielsweise von einer Studie behauptet, der Salzgehalt des Nord-Atlantiks sinke. Nur zwei Jahre später erschien eine Studie, die das genaue Gegenteil besagte. Beide wurden in respektierten Journals publiziert, beide auf ihre Konsistenz durch Peer-Reviewing geprüft. Man darf festhalten: Die vielen gegensätzlichen Studien zeigen, dass Peer-Reviewing bezüglich der Qualität und Gehalt durchaus einen gewissen Standard garantieren kann, für die Korrektheit der Ergebnisse aber keinesfalls.

Des Weiteren sind auch die beiden wichtigsten naturwissenschaftlichen Magazine (Nature und Science) nicht davor gewahrt, schlichtweg falsche – oder gar gefälschte – Ergebnisse zu publizieren. 2005 präsentierten koreanische Forscher rund um Stammzellenforscher Hwan Woo-Suk die Ergebnisse ihrer Arbeit. Prompt wurden die Studien von diesem revolutionären Durchbruch im „Nature“ wie im „Science“ veröffentlicht.

Als sich die Ergebnisse im Nachhinein als Fälschungen entlarvten, sahen sich beide Magazin grosser Kritik ausgesetzt. Ihnen wurde unter anderem vorgeworfen, zu sehr auf die sensationellen Resultate fixiert gewesen zu sein und infolgedessen die Qualitätssicherung auf fahrlässige Art und Weise vernachlässigt zu haben. Der zunehmende Konkurrenz- sowie Veröffentlichungsdruck (publish or perish) erschwert die Qualitätssicherung massiv. In der Zeitung „Die Zeit“ erschien vor etwas mehr als zwei Jahren ein hervorragender Artikel darüber.

Auch die doktorierte Professorin Ulrike Beisiegel kritisierte die Tendenzen, welche seit einiger Zeit in der Wissenschaft zu beobachten seien. Da immer mehr Artikel veröffentlicht werden, bleibt weniger Zeit für die Gutachter. Diese werden laut Beisiegel zudem immer jünger und unerfahrener. Wenn nun ein junger Gutachter ein Paper von einem „alten Hasen“ zur Begutachtung bekomme, könne sich der junge Gutachter kaum Kritik erlauben. Ansonsten verliere er nämlich einfach seine Kritikfähigkeit. Beisiegel fordert ein Umdenken: Weg vom Paper zählen, zurück zum Paper lesen.

Die geschilderten Tendenzen sollten ein wenig nachdenklich stimmen. Nur weil eine beliebige Aussage in einem der wichtigsten Journals abgedruckt wurde, heisst also noch lange nicht, dass die Aussage inhaltlich korrekt ist. Vollkommener Schutz vor Fälschungen existiert auch in der Wissenschaft nicht. Anstatt sich aber immer öfters auf bahnbrechende Ergebnisse zu stürzen, sollte der Qualitätssicherung wieder grössere Priorität eingeräumt werden. Nichts wäre schlimmer, als durch weitere Fälschungsskandale zusätzlich an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

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