Temperatursprünge

Die Geschwindigkeit, mit der die Klimaerwärmung stattfindet, wird oft als beispielslos bezeichnet. In der Tat schreitet die Erwärmung unseres Planeten in einer bemerkenswerten Geschwindigkeit voran. 

Einmals mehr muss aber darauf hingewiesen werden, dass Worte wie „beispielslos“ ohne vernünftigen Zeitrahmen problematisch sind.

Halten wir uns vor Augen, dass instrumentelle Temperaturaufzeichnung seit etwa 1860 existieren. Diese Messungen wurden zu Beginn weitestgehend nur in der nördlichen Hemisphäre durchgeführt und waren (und sind noch immer) mit Unsicherheiten behaftet. Seit den späten 70er-Jahren können wir die Temperatur mit Satelliten relativ präzise und regelmässig messen.

Optimistisch betrachtet reichen unsere Aufzeichnungen also gut 150 Jahre in die Vergangenheit – für eine längerfristige Betrachtungsweise viel zu wenig. Dies ist der Grund, weshalb Wissenschaftler aus allen Ländern bestrebt sind, mehr über die Temperaturentwicklung der vergangenen Jahrtausenden in Erfahrung zu bringen. Weil keine direkten Messungen existieren, muss auf sogenannte Proxy-Daten zurückgegriffen werden. Solche Proxy-Daten kann man aus verschiedensten Quellen gewinnen. In der Regel sind das Eisbohrkerne, Sedimentbohrungen (beispielsweise Schlammschichten), Baumringproben oder Stalagmiten. Es gibt aber noch eine Vielzahl anderer Proxy-Daten-Quellen. Dank den Untersuchungen können die Wissenschaftler feststellen, in welchem Jahr welche Temperatur geherrscht haben muss. Das Problem solcher Daten ist, dass die Temperatur immer nur lokal gültig ist und wiederum evidente Unsicherheiten vorhanden sind. Logischerweise kann eine Baumring-Analyse eines Baumes in den Alpen nur die ungefähre Lokal-Temperatur preisgeben – eine Global-Temperatur existiert nämlich nicht. Diese kann erst durch die Kompilation zahlreicher solcher Proxy-Daten zu einer globalen Temperatur-Rekonstruktion ermittelt werden. Dass diese Daten mit einer gewissen Portion Skepsis zu geniessen sind, demonstrierte das Hockeyschläger-Diagramm von Mann et al. bereits vor einiger Zeit eindrücklich.

Doch auch aktuellere Rekonstruktionen können noch vielen Fehlern unterliegen. Osborn & Briffa veröffentlichten 2006 im Magazin „Science“ einen Artikel, in dem sie eine weitere Temperatur-Rekonstruktion der vergangenen 1’200 Jahre präsentierten. Im Juni 2007 publizierte das „Science“ einen Kommentar von Gerd Bürger vom Berliner Institut für Meteorologie, in dem er Osborn & Briffa zahlreiche Fehler vorwirft. Unter anderem hielt Bürger fest:

„As a result, the ‚highly significant‘ occurrences of positive anomalies during the 20th century disappear.“

Kurz darauf erschien wiederum eine Antwort von Osborn & Briffa auf den Kommentar von Gerd Bürger. Es ist also leicht zu erkennen, wie kontrovers und komplex Klimarekonstruktionen sind.

Ich persönlich halte es für vernünftig, vor allem die vergangenen ~10’000 Jahre (Holozän) zu beobachten, um Aussagen über die derzeitige Klimaerwärmung zu machen. Denn damals war die letzte Eiszeit zu Ende und seitdem befinden wir uns in einer Warmperiode. Fünf europäische Forscher sahen das anscheinend gleich und untersuchten anhand von Stalagmiten die Temperaturentwicklung in Europa während den vergangenen 9’000 Jahren . Die Arbeit zeigte, dass es auch in der Vergangenheit (in Europa zumindest) grosse Temperatursprünge gegeben haben muss.

In einer Gesprächsrunde auf dem TV-Sender Phönix sagte einer der Autoren obiger Studie, dass auch Stalagmiten von anderen Kontinenten ähnliche Resultate zeigten. Auch Forscher der Universität Bonn kamen auf Grund von Sedimentbohrungen im Van See in der Türkei zum Schluss, dass die Temperatur im Holozän in relativ kurzer Zeit grosse Sprünge machte. In einem Artikel der „Welt Online“ über die Forschung des Bonner Paläontologen Professor Thomas Litt und seinen Kollegen wird beispielsweise gesagt:

„So konnten die Wissenschaftler zeigen, dass sich das Klima seit der letzten Eiszeit mitunter sehr kurzfristig verändert hat – manchmal innerhalb von zehn oder zwanzig Jahren.“

Während wir relativ sicher wissen, dass die derzeitigen Temperaturen global betrachtet die wärmsten seit 2’000 Jahren sind, herrscht über die Geschwindigkeit der Klimaerwärmung im zeitlichen Kontext von etwa 10’000 Jahren eine viel grössere Unsicherheit. Vieles deutet aber darauf, dass es mindestens lokal schon ähnlich grosse oder gar grössere Temperatursprünge gegeben hat, mit welchen die Menschen klarzukommen hatten.

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