Mittelalterliche Warmperiode

Es gibt Themen, über die sich Klimatologen hervorragend streiten können. Die Debatte rund um die MWP (Mittelalterliche Warmperiode) ist eines dieser Sachgebiete.

Gab es überhaupt eine MWP? Wo fand diese statt? War sie wärmer als die derzeitige Warmperiode? Über diese Fragen herrscht nicht nur unter Mangini und Rahmstorf (Phoenix Gesprächsrunde) Uneinigkeit.

Eine MWP gab es mit Sicherheit, die wirklich interessante Frage dabei ist, ob nur Europa im Mittelalter warme Temperaturen durchlebte, oder auch der Rest der Erde. Erste Anlaufstelle zur Beantwortung dieser Fragen ist der vierte Sachstandsbericht des IPCC’s. Dieser sagt über die Temperaturen der Nord-Hemisphäre:

„The evidence currently available indicates that NH mean termpatures during medieval times (950-1100) were indeed warm in a 2-kyr context […]“

Dazu veröffentlichte das IPCC folgende Grafik:

Die Rekonstruktionen anhand von Proxy-Daten zeigten – laut dem IPCC -, dass die MWP ein Phänomen der gesamten nördlichen Hemisphäre und eben nicht auf Europa beschränkt war. Die Temperaturen während der MWP waren (je nach Rekonstruktion) vergleichbar hoch mit denjenigen vom 20. Jahrhundert (und lokal natürlich teilweise auch höher/tiefer). Das IPCC schrieb zudem, dass die Klimageschichte der Süd-Hemisphäre bei weitem nicht gleich gut wie diejenige der nördlichen Halbkugel dokumentiert ist.

Der erste Überblick bestätigt: Die Warmperiode vor etwa 1’000 Jahren war kein Phänomen, das nur in Europa stattfand, sondern mindestens auf der nördlichen Halbkugel. Doch die Frage, ob man ein Signal der MWP auch in der Süd-Hemisphäre ausmachen kann, bleibt offen.

Also machte ich mich auf die Suche nach Studien über die Temperaturen im südlichen Teil unserer Erde. Einige Studien offenbarten dabei Hinweise dafür, dass die Temperaturen im Mittelalter auch in der südlichen Hemisphäre vergleichsweise hoch waren. Aus einer Arbeit von Wissenschaftlern aus Europa und Südamerika stammt folgender Satz:

„[…] shows that the MWP was possibly synchronous in both hemispheres.“ 

Die Arbeit beschäftigte sich mit Klimavariationen in Argentinien und wurde 2004 im Magazin „Quaternary Research“ publiziert. Auch noch weiter im Süden (in der Antarktis), fand eine Studie (2002, Quaternary Research) Hinweise für eine Mittelalterliche Warmperiode:

„The late Holocene records clearly identify Neoglacial events of the Little Ice Age (LIA) and Medieval Warm Period (MWP).“

Zu einer ganz ähnlichen Konklusion kam eine Studie europäischer Forscher, die 2005 im „Journal of Geophysical Research“ abgedruckt wurde:

„Normalized flux variability for the same event showed the highest value in the 1100–1500 AD period. This pattern could mirror changes in regional transport linked to climatic variations such as slight warming stages in the Southern Hemisphere (Southern Hemisphere Medieval Warming–like period?).“

Vier europäische Forscher untersuchten in einem Artikel des „South African Journal of Science“ die Temperaturen Südafrikas im vergangenen Jahrtausend. Dabei kamen sie zum Schluss:

„[…] and may have been over 3°C higher than at present during the extremes of the medieval warm period.“

In einer Studie (2004, Earth and Planetary Science Letters) über die Klimageschichte Neuseelands ist folgendes zu lesen:

„This warm peak ist a little later than the equivalent in western North Island, but both could represent a delayed southern counterpart of the Medieval Warm Period of western Europe, altough Hughes and Diaz and Jones et al. found little evidence to support its global occurence.“

Es finden sich also einige Hinweise darauf, dass auch die Süd-Hemisphäre eine Art „Mittelalterliche Warmperiode“ durchlebte. Damit ist mindestens der Mythos von einem ausschliesslich auf Europa beschränktem Phänomen widerlegt. Die Frage, ob die Temperaturen nun wärmer oder kälter waren als heute, kann ich auch nicht beantworten. Wie komplex eine Kompilation regionaler Proxydaten zu einer globalen Rekonstruktion ist, zeigten MBH98 und kürzlich C. Loehle eindrücklich. Es bleibt wahrscheinlich, dass die Temperatur lokal durchaus höher war als heute, die MWP auf globaler Ebene aber lediglich eine Periode vergleichsweiser hoher Temperaturen darstellte. Wobei nie vergessen werden sollte, mit wievielen Unsicherheiten Proxydaten versehen sind.

Advertisements
Veröffentlicht in Temperaturgeschichte. 2 Comments »

2 Antworten to “Mittelalterliche Warmperiode”

  1. Nils Simon Says:

    Netter Beitrag! Etwas schade ist, dass Du nicht die Frage des Timings angesprochen hast. Bei den Feststellungen einer „globalen“ MWP werden nämlich mitunter stark abweichende Jahrhunderte genannt. Es ist also gut möglich, dass die MWP ein globales Phänomen war – aber nicht überall synchron auftrat, im Gegenteil zur gegenwärtigen Erwärmung.

  2. climatereview Says:

    @Nils Simon

    Herzlichen Dank. Über das Timing habe ich auch lange gerätselt. Dies noch in diesen Beitrag zu integrieren, hätte aber dessen Rahmen gesprengt. Zwei der obigen Studien sprechen (direkt oder indirekt) von einer „verspäteten“ MWP der Süd-Hemisphäre („a delayed counterpart“ bzw. die Warmperiode der Antarktis von „1100-1500 AD“), was ich an sich für einen interessanten Ansatz halte.


Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: