Mittelfristige Erdtemperatur

Die erst kürzlich veröffentlichte Arbeit von Keenlyside et al. sorgte für grosse Aufregung – das war vorhersehbar. Egal ob Spiegel Online, Zeit Online oder Welt Online, alle titelten: Klimaerwärmung macht Pause.

Auch in der Blogosphäre machte sich Unruhe breit.

Nils Simon von „Globale Umweltpolitik“ kritisierte meinen Beitrag über die Studie von Keenlyside et al. – zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Als ich in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai auf erste Berichte über die Studie stolperte, war selbige auf der Website vom Nature.com noch nicht einsehbar. Ich verliess mich also auf die Aussagen der involvierten Forscher und den Berichten vom „Telegraph“ und dem „IDW„. Die genauen Resultate der Modellrechnungen von Keenlyside et al. stufte ich als zweitrangig ein, vielmehr wollte ich aufzeigen, dass die Prognosen von Don J. Easterbrook (vorgestellt im Beitrag „Abkühlung durch PDO?„) nicht ganz aus der Luft gegriffen sind.

Die Studie ist jetzt als PDF verfügbar und zeigte, dass die Medien die Resultate oft verzerrt dargestellt haben. Climate Progress verfasste über die Arbeit einen ausgezeichneten Beitrag, welcher vom Lead-Autor Keenlyside abgesegnet wurde. Laut der Analyse von Climate Progress sorgte vor allem der Begriff „next decade“ für Verwirrung, wörtlich heisst es:

„They are predicting no increase in average temperature of the “next decade” (2005 to 2015) over the previous decade, which, for them, is 2000 to 2010! […] The authors have not predicted the next 10 years won’t see any warming.“

Eine der wohl zentralsten Grafiken ist die folgende (in der Studie „Figure 4“):

Die Grafik zeigt, dass sich die Temperaturen bis 2010 stabilisieren sollen, danach aber einen markanten Sprung nach oben machen werden. Immer vorausgesetzt, das verwendete Modell simuliert alle Gegebenheiten adäquat. Angesichts der prognostizierten Erwärmung nach 2010 verwirrt mich eine Aussage von Keenlyside, welcher gegenüber dem „Telegraph“ sagte:

„Our prediction is that there will be no warming until 2015 […]“

Vielleicht kann mir da ja jemand helfen. Wie dem auch sei: Von einer Abkühlung auf globaler Ebene kann keine Rede sein. Die „Welt Online“ zeigte im Bericht über die Studie folgende Grafik:

Für die Zeitspanne 2005-2015 sollen sich also nur verhältnismässig kleine Gebiete im Bereich Nordatlantik, Nordost-Asien und Südamerika abkühlen, überall sonst stagnieren die Temperaturen um 0 oder nehmen zu.

Beim Verfassen dieses Korrigendums zu der Studie von Keenlyside et al. stiess ich auf eine Aussage von R. Wood vom Met Office Hadley Center in der aktuellsten Ausgabe des Magazins „Nature“. Woods Aussagen dürften die aktuelle Kontroverse rund um die mittelfristige Erwärmung zusätzlich verwirren. Er schrieb nämlich:

„The effects of global warming over the coming decades will be modified by shorter-term climate variability.“

Wobei der Begriff „coming decades“ wohl weniger falsch ausgelegt werden kann, als dies bei der Arbeit von Keenlyside et al. geschah. Zudem sagte Richard Wood:

„[…] the Intergovernmental Panel on Climate Change recently projected that, even in the next 20 years, the global climate will warm by around 0.“

Womit wir meines Erachtens wieder am Anfang ständen.

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Veröffentlicht in Modelle & Prognosen. 1 Comment »

Eine Antwort to “Mittelfristige Erdtemperatur”

  1. Nils Simon Says:

    Hi Tobi,
    das liest sich ja schon sehr viel besser 🙂 Enttäuscht war ich vor allem deshalb, weil ich trotz mancher inhaltlicher Differenzen Climate Review normalerweise für eines der wenigen allgemein lesenswerten, kritischen deutschsprachigen Klimablogs halte.
    Während der britische Telegraph falsche Darstellungen in Sachen Klimawandel quasi im Abo hat, ist bei idw wie üblich einfach die Pressemitteilung vom IFM-GEOMAR wiedergegeben. Etwas verwirrend, um nicht zu sagen widersprüchlich finde ich die Aussagen von Keenlyside auch. Da wäre mehr Klarheit sehr zu wünschen. Abgesehen davon handelt es sich bei mittelfristiger Klimamodellierung meiner Meinung nach um ein vergleichsweise junges bzw. offenes Forschungsfeld. Langfristige Berechnungen in die Zukunft sind genauso wie „hindcasts“, also Berechnungen des bereits bekannten Klimas in der Vergangenheit, bereits sehr gut und relativ einheitlich. Besonders der Durchschnitt eines größeren Modell-Ensembles liefert regelmäßig beeindruckend akkurate Ergebnisse (siehe bspw. IPCC AR4, WGI, S. 62).
    Dem gegenüber sind bei der mittelfristigen Klimamodellierung, in welcher Prozesse wie PDO etc. eine viel gewichtigere Rolle spielen, noch mancherlei auch größere Überraschungen zu erwarten. Um so fragwürdiger ist die große Medienaufmerksamkeit zu dieser Studie, die auf den berüchtigten „Nature-Effekt“ zurückgeführt werden kann.
    Noch viel schlimmer finde ich aber die vollkommen uninformierten Leserkommentare beispielsweise unter dem Artikel der Zeit, nach denen die Wissenschaft ein Ende der Erderwärmung postuliere. Solch ein Schwachsinn lässt sich schließlich nicht einmal bei schlechtestem Willen aus dem Wortlaut der Studie herauslesen.


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