Blog-Reviews

Früher war die Welt einfacher.

Ein beliebiger Wissenschaftler veröffentlichte seine neue Studie, ein Leser derselbigen empfand gewisse Punkte als zweifelhaft oder gar falsch und veröffentlichte infolgedessen ein Paper mit dem Titel „Comment on [Studie von Autor X]“. Nicht selten folgte danach noch ein „Reply to Comment on“, verfasst vom Autor der kritsierten Studie, um seine Resultate zu verteidigen.

Mit dem Aufkommen des Internets und vor allem von Weblogs ist diese gedruckte Form der Debattier-Tradition ein wenig ins Hintertreffen geraten. Kontroverse Studien werden vermehrt auf Blogs von berühmten Klimawissenschaftler rezensiert und teils heftig kritisiert. Auf Grund der zunehmenden Anzahl von Blogs ist es kaum möglich, die digitalen „Comment on“-Artikel im Überblick zu behalten. Erschwerend kommt hinzu, dass bei Reviews auf Blogs so gut wie keine Qualitätssicherung existiert.

Man kennt das: Es erscheint eine neue kontroverse Studie, welche die persönliche Haltung (egal ob skeptisch oder alarmistisch) verstärkt, doch kaum ein Tag nach der Publikation erscheinen erste Online-Kritiken, die sehr selten glimpflich ausfallen.

Beispiele gefällig? Im Dezember 2007 veröffentlichten McKitrick & Michaels im respektierten „Journal of Geophysical Research“ eine Studie, die einen grossen Teil der Erwärmung im Zeitraum 1980-2002 auf anthropogene Veränderungen der Erdoberfläche zurückführte. Wie jede andere Studie auch, wurde die Arbeit von McKitrick und Michaels von anonymen Fachkollegen auf ihre Richtigkeit hin geprüft. Anscheinend aber nicht gut genug, denn R. Benestad von RealClimate fand zahlreiche Mängel, welche ihn konkludieren liessen:

„So in summary, I think the results of M&M2007 analysis and conclusions are invalid […]“

Ein weiteres prominentes Beispiel ist eine Studie von Douglass et al., welche sich mit den Temperaturtrends in der tropischen Troposphäre beschäftigte. Auch diese Arbeit wurde in einem wissenschaftlichen Fachmagazin publiziert und musste deshalb von Gutachtern auf ihre Konsistenz geprüft werden. Das „International Journal of Climatology“ empfand die Studie anscheinend als angemessen und druckte sie Ende 2007 ab. Auch hier fand sich kurze Zeit später auf RealClimate eine ziemlich explizite Kritik:

„Douglass et al’s claim to the contrary is simply unsupportable.“

Ganz ähnlich erging es auch einer Studie von P. Chylek und U. Lohmann, die sich der Klimasensitivität widmete. Anfangs 2008 im AGU-Journal „Geophysical Research Letters“ abgedruckt, war eine eindeutige Kritik nur kurze Zeit später auf dem Blog von J. Annan aufzufinden.

Die augenscheinlich so „falschen“ Resultate verwundern mich immer wieder. Für mich stellt sich die Frage, wie eine (angeblich) offensichtlich falsche Studie überhaupt abgedruckt werden kann (zu lasches Peer-Reviewing?) und vor allem kann ich schwer nachvollziehen, dass die vorgestellten Fehler den Studien-Autoren nicht selbst aufgefallen sind. Zumal sämtliche Autoren kluge Köpfe sind und eine weitreichende Ausbildung geniessen durften. Absichtliche Fehldarstellungen schliess ich mal aus.

Alle drei vorgestellten Rezensionen bezogen sich auf Paper mit Inhalten, die „Skeptikern“ zu Gute kamen. Gegenteiliges – also Skeptiker, die alarmistische Studien auf inhaltlicher Ebene und anhand konkreter Eigenarbeit in Frage stellen – ist sehr selten zu finden. Kürzlich (bei den Recherchen zum Miskolczi-Paper) entdeckte ich allerdings die Seite „Niche Modeling“ auf welcher sich der Statistiker Stockwell kritisch mit der Studie „Recent climate observations compared to projections“ von Rahmstorf et al. auseinandersetzte. Die Arbeit von Rahmstorf et al. sagte aus, dass fast alle beobachteten Klima-Indikatoren (Meeresspiegel- und Temperaturerhöhung sowie die CO2-Zunahme) am oberen Ende der vom IPCC prognostizierten Werte liegen. In gleich vier Beiträgen (jedes Wort ein Link, Beiträge chronologisch geordnet, beginnend mit dem „ältesten“ Artikel) äusserte Dr. Stockwell Kritik zu den von Rahmstorf et al. verwendeten statistischen Verfahren. Erfreulich zu sehen, dass wissenschaftliche Kritik auf Blogs auch von der „anderen“ Seite stammen kann.

Die Blog-Rezensionen von Studien machte die ganze wissenschaftliche Kontroverse zwar unübersichtlicher, dafür aber für jeden zugänglich. Zudem spielen sich dank der Kommentar-Funktion oft interessante Schlagabtausche ab, in denen der Kritisierte seine Ergebnisse verteidigt. Diese Debatte sozusagen live miterleben zu können, zählt sicherlich zu den grössten Errungenschaften von Blogs.

Advertisements
Veröffentlicht in Modelle & Prognosen. 2 Comments »

2 Antworten to “Blog-Reviews”

  1. Tomislav Rus Says:

    Oha, da hast du aber ein sehr prominentes Beispiel der Kritik seitens der Skeptiker übersehen, und zwar die Kritik von McIntyre & McKitrik am sog. „Hockeystick“ von Dr. Mann. Die Kritik war so fundamental, dass es sogar zu einem öffentlichen Congress-Hearing kam, in dem der „Stick“ richtig zerbröselt wurde.

  2. climatereview Says:

    @Tomislav Rus

    Hoppla, da hast Du natürlich Recht. Wahrscheinlich habe ich die Hockeystick-Debatte als so selbstverständlich betrachtet, dass ich es gar nicht erwähnenswert fand. Die erwähnte Kritik von Dr. Stockwell sollte auch einfach ein Beispiel der jüngeren Zeit sein, die Hockeystick-Sache liegt ja nun doch schon etwas zurück.


Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: