Erwärmung und Biodiversität

Wir erinnern uns kurz an Al Gores Film. Welche Auswirkungen der globalen Erwärmung wurden illustriert? Klar: mehr Hurrikans, mehr Starkniederschlag, mehr Stürme, mehr Krankheiten, mehr Eisverlust, mehr Klimaflüchtlinge, mehr Hitzetote.

Aber: weniger Artenvielfalt. Die ganze Biodiversitätsdebatte findet hin und wieder den Weg in die üblichen Printmedien, weitaus seltener aber, als beispielsweise die Auswirkung einer Erwärmung auf Hurrikans. Auf welchem Fundament stehen die Berichte der Medien und die zitierten Studien an sich?

Spiegel Online veröffentlichte vor gut einem Jahr einen Artikel mit dem Titel „Globale Erwärmung könnte Massenaussterben auslösen„. Der Bericht beschäftigte sich weitestgehend mit der Zusammenfassung einer Studie von Mayhew et al., die 2007 im Journal „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht wurde. Nach der Analyse von bis zu 520 Mio. Jahren alten Daten, war die zentrale Erkenntnis wohl, dass Warmzeiten oft mit einem Artensterben und einer geringer Biodiversität einhergingen:

„We found that global biodiversity (the richness of families and genera) is related to temperature and has been relatively low during warm ‘greenhouse’ phases, while during the same phases extinction and origination rates of taxonomic lineages have been relatively high.“

Konkrete Aussagen über die tatsächlichen Auswirkungen der derzeitigen (und anhaltenden) Warmperiode auf die Biodiversität trafen Mayhew et al. aber nicht. Die wohl meist-zitierteste Studie diesbezüglich dürfte aus der Feder von Thomas et al. [hier als pdf] stammen und wurde 2004 im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht. Die Ergebnisse der Modell-Rechnungen von Thomas et al. sind durchaus alamierend:

„[…] we predict, on the basis of mid-range climate-warming scenarios for 2050, that 15–37% of species in our sample of regions and taxa will be ‚committed to extinction‘.“

Die Studie von Thomas et al. wurde schon in einem der ersten Beiträge auf Climate Review erwähnt. Dort kam auch der Schweizer Biodiversitätsforscher P. Duelli zu Wort, der sich zu allzu alarmistischen Aussagen gegenüber der Zeitung „NZZ am Sonntag“ wie folgt äusserte:

“Ich zweifle stark, dass wir jährlich 8′000 Arten verlieren. Diese Zahl ist eine fragwürdige Hochrechnung von Aussterberaten bestimmter Artengruppen in bestimmten Lebensräumen. Man weiss aber nur von etwa 1′000 Arten, die seit dem Jahr 1600 tatsächlich weltweit ausgestorben sind.”

Folgende zwei Worte stechen besonders ins Auge: fragwürdige Hochrechnung. Wie valide die Modellrechnungen von Thomas et al. tatsächlich sind, wird wahrscheinlich nicht einmal die Zukunft exakt zeigen können, zumal wir ja noch heute bisher unbekannte Spezien entdecken und kaum eine globale Übersicht über den Artenbestand jedes Lebewesens haben.

Passend zu dieser kritischen Betrachtung veröffentlichten Botkin et al. (darunter auch der im vorigen Beitrag angesprochene Dr. David Stockwell) 2007 im Journal „BioScience“ ihre Untersuchung mit dem Titel „Forecasting the Effects of Global Warming on Biodiversity„. In der Studie beschäftigten sich Botkin et al. vor allem mit der Frage, wie Biodiversitätsvorhersagen in Zukunft zuverlässiger gemacht werden könnten. In der Einleitung hielten die Autoren nämlich fest:

„Specialists know that theoretical models of these effects are limited […] and should not be taken literally.“

Aber mal davon abgesehen, dass natürlich zahlreiche Unsicherheitsfaktoren die Ergebnisse signifikant beeinflussen, fanden Botkin et al. noch ein weiteres Problem. Thomas und seine Kollegen schildereten unter anderem einen 4%-Flächenverlust des nördlichen Nadelwaldgürtels. In der wissenschaftlichen Fachliteratur scheint man sich anscheinend aber noch nichtmal über die Fläche des aktuellen Waldbestandes einig zu sein. Die Fläche, welche als „boreal forest“ klassifiziert wird, unterscheidet sich nämlich um bis zu 200%. Diese ernüchternde Erkenntnis führte Botkin et al. zu folgender Konklusion:

 „If scientists cannot agree within a factor of two on the size of the boreal forest, then the forecast loss of 4% means little.“

Auf die Erläuterung anderer Punkte (konkrete Verbesserungsvorschläge oder das „Quaternary conundrum“) muss an dieser Stelle leider verzichtet werden, ansonsten sprengt der Beitrag jeden Rahmen. Auf jeden Fall ist die Studie lesenswert und sollte – ebenso wie Thomas et al. – zur Standard-Lektüre in Sachen Klimaerwärmung und Biodiversität gehören.

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