Ganz schön frech

Man stelle sich mal folgende Situation vor: Die Wissenschaftsgemeinde scheint sich praktisch einig zu sein, was die Auswirkungen der globalen Erwärmung auf Korallen betrifft. Wärmere Temperaturen und die drohende Versauerung der Weltmeere haben negative Auswirkungen auf das Korallenwachstum und drohen diese ernsthaft und nachhaltig zu schädigen.

Nun würden aber plötzlich drei ernstzunehmende Wissenschaftler genau das Gegenteil behaupten. Das wäre ganz schön frech.

Fakt ist aber, dass genau diese Situation vor etwa vier Jahren eingetreten ist. Beginnen wir im Februar 2004: Das PEW-Center veröffentlichte einen Bericht über die Auswirkungen der globalen Erwärmung auf Korallen. In diesem wird von führenden Wissenschaftlern der aktuelle Wissensstand zusammengfasst. Die Ergebnisse sind ziemlich alarmierend. Wie in der Einleitung schon kurz angedeutet, haben Korallen mit den höheren Wassertemperaturen und einer reduzierten Kalkschalen-Bildung zu kämpfen:

„Stresses associated with climate change, such as hightemperature episodes that promote coral bleaching, reduced calcification, and changes in ocean and atmospheric circulation, present one set of challenges to coral reefs.“

So weit so gut, das haben wir bereits gewusst. Im November 2004 schlug dann aber eine Studie aus dem Fachjournal „Geophysical Research Letters“ hohe Wellen. Im Zuge ihrer Untersuchung folgerten Ben I. McNeil (University of New South Wales), Richard J. Matear (CSIRO Marine Research and Antarctic, Climate and Ecosystem CRC) und David J. Barnes (Australian Institute of Marine Science) nämlich, dass die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Korallenbildung möglicherweise positiv sein könnten:

„Our analysis suggests that annual average coral reef calcification rate will increase with future ocean warming and eventually exceed pre-industrial rates by about 35% by 2100.“

Für die pessimistischen Aussichten ihrer Forschungskollegen fanden McNeil et al. keine Hinweise:

„Our results suggest that present coral reef calcification rates are equivalent to levels in the late 19th century and does not support previous suggestions of large and potentially catastrophic decreases in the future.“

Diese Schlussfolgerung zogen McNeil und seine Kollegen nicht durch eigene Messungen, sondern durch die Analyse früherer, empirischer Studien. Der positive Zusammenhang zwischen Wassertemperatur und Korallenbildung wurde in folgender Grafik illustriert:

Wie vorherzusehen war, liess eine Reaktion nicht lange auf sich warten. Im April 2005 veröffentlichte „Geophysical Research Letters“ einen Kommentar zur Studie von McNeil et al. – verfasst von gleich elf Wissenschaftlern. Die Kritik war nicht gerade zimperlich:

„[…] we find the authors’ statement that ‘‘Our analysis suggests that annual average coral reef calcification rate will increase with future ocean warming and eventually exceed pre-industrial rates by about 35% by 2100’’ to be seriously flawed. Many of their critical assumptions are not supported by existing information […]“

Daraufhin schrieben McNeil und seine beiden Partner eine Antwort zum Kommentar von Kleypas et al., die ebenfalls im April 2005 im Magazin „Geophysical Research Letters“ abgedruckt wurde. Dort gestanden McNeil et al. Unsicherheiten ein, die sie schon in ihrer Original-Studie anerkannten, und gingen auf alle Punkte der Kritik von Kleypas et al. ein.

Die ganze Auseinandersetzung (Studie – Kommentar – Antwort zum Kommentar) kann [hier] frei begutachtet werden. In meinen Augen eine sachliche und höchst interessante Debatte, die den Leser aber wie so oft mit dem Gefühl dastehen lässt, zwischen den Fronten zu stehen. Elementar ist aber, überhaupt von diesen Fronten zu wissen.

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